Public Opinion nimmt mit der aktuellen Spendenstudie 2010 den österreichischen Spendenmarkt unter die Lupe
In den vergangenen 12 Monaten haben nach eigenen Angaben rund 61 Prozent der ÖsterreicherInnen gespendet. Damit hat sich der Anteil der SpenderInnen gegenüber dem Vorjahr um 6 Prozentpunkte erhöht! Langfristig betrachtet hat sich seit dem Jahr 2000 bis 2009 der Anteil der SpenderInnen um ein Viertel reduziert. Ob mit dem Jahr 2010 eine Trendwende eingeleitet wurde, werden die kommenden Jahre zeigen.
Kinder liegen auch im Jahr 2010 unangefochten mit rund 28 Prozent an erster Stelle und haben gegenüber dem Vorjahr 4 Prozentpunkte hinzugewonnen. Mit beachtlichem Abstand folgen die Zielgruppe Tiere (~17 %), Katastrophenhilfe im Inland (~13 %), Kirchen/religiöse Vereinigungen (~12 %), Katastrophenhilfe im Ausland (~11 %) sowie „gegen den Hunger in der Welt“ (~10 %). Im Geschlechtervergleich sind es v. a. die Frauen, welche für Kinder, Tiere, Kirchen, gegen den Hunger in der Welt, Obdachlose/Bettler, geistig oder körperlich Behinderte und Missionsarbeit spenden. Männer spenden tendenziell eher für Sport und sozial Benachteiligte. Im Altersgruppenvergleich erweist sich die Altersgruppe 50+ als besonders spendenfreudig.
Langfristig betrachtet sind bis zum Jahr 2009 die Prozentzahlen bei den Spendenzielen kontinuierlich zurückgegangen. Lediglich die Zielgruppe „Obdachlose“ blieb seit dem Jahr 2004 auf einem relativ konstantem Niveau. Im Jahr 2010 ist allerdings bei manchen Spendenzielen wieder ein leichter Zuwachs erkennbar. Der Grund für die in den letzten Jahren kontinuierliche prozentuelle Abnahme bei den Spendenzielen dürfte u.a. darin liegen, dass die Menschen sich heute – im Gegensatz zu früher – offensichtlich sehr genau überlegen, für welche Bereiche sie spenden. War die Spendenbandbreite von Herrn und Frau Österreicher früher relativ groß, so hat sie sich im Laufe der Jahre – je nach persönlicher Einstellung und Hinzugezogenheit – auf einige wenige Zielgruppen verkleinert.
Die Beweggründe zum Spenden sind vielfältig. Als Hauptmotive kommen nach wie vor zum Tragen: Solidarität mit den Armen und Schwachen (~61 %), Sympathie gegenüber der Organisation (~59 %), und der überzeugende Aufruf einer Hilfsorganisation (~57 %). Das Spendenmotiv der „steuerlichen Absetzbarkeit“ (~ 9 %) ist nach wie vor gering ausgeprägt. Einerseits dürfte diese Möglichkeit in der breiten Öffentlichkeit noch zu wenig bekannt bzw. geübt sein, andererseits wird dieser Beweggrund von offensichtlich wichtiger eingeschätzten Gründen stark überlagert. Auch das Motiv „religiöse Überzeugung“ (~22 %) spielt wie in den Jahren zuvor eine untergeordnete Rolle und kommt vergleichsweise eher bei der Altersgruppe 50+ sowie Personen mit Matura-Abschluss zum Tragen.
Im Langzeitvergleich lässt sich folgende Entwicklung feststellen: Stärkere Rückgänge zeigen sich bei den Motiven „religiöse Überzeugung“ (-14 %), „Solidarität mit den Armen und Schwachen“ (- 14 %), „weil ich es mir leisten kann“ (-13 %), „weltanschauliche Überzeugung“ (- 13 %) und „überzeugender Aufruf von Hilfsorganisationen“ (-11 %). Eher starke Zuwäche seit dem Jahr 2000 erfahren das Motiv „weil der Staat zu wenig für die Hilfsbedürftigen tut“ (+ 9 %) und – seit 1996 – das Motiv „Mitleid“ (+17 %).
Die Unverwechselbarkeit einer Organisation und die klare Botschaft, wofür man als Organisation eintritt, ist für SpenderInnen ein wichtiger Beweggrund. Rund drei Viertel der Befragten (trifft sehr/eher zu) schätzen v. a. Organisationen, bei denen man weiß, wofür sie eintreten.
Insgesamt betrachtet dürfte derzeit der Trend in Richtung „EHER GEZIELTE UND ZUGLEICH AUCH SPONTANE SPENDEN FÜR BEKANNTE UND SYMPATHISCHE ORGANISATIONEN - NACH MÖGLICHKEIT KEINE LÄNGERFRISTIGE BINDUNG“ gehen. Mit anderen Worten: eher Erlagschein als Dauerauftrag, eher in der Kirche und bei Haussammlungen als auf der Straße spenden, weniger Mitgliedsbeiträge zahlen, dafür eventuell eher Sachwerte spenden oder unentgeltlich mitarbeiten … Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise dürften Herrn und Frau Österreicher (zumindest vorübergehend) etwas vorsichtiger und zurückhaltender gemacht haben. Vergleicht man Erlagschein-Spender und Dauerauftrag-Spender, so ist die Mehrheit der Erlagschein-Spender weiblichen Geschlechts. Erlagscheine werden zumeist für punktuelle Spendenaktionen aufgelegt und finden so (bei den vergleichsweise eher spendenfreudigen Frauen) leichter Anklang.
Die durchschnittliche Spendenhöhe im Jahr 2009 beläuft sich auf rund 79 Euro (Basis: österr. Bevölkerung ab 15 Jahre). Damit liegt sie um lediglich 1 Euro über jenem Betrag, der im Jahr 2009 gespendet wurde. Im Langzeitvergleich scheint vorerst der Rückgang gestoppt zu sein – allerdings auf einem niedrigen Niveau (im Jahr 1996 belief sich die durchschnittliche Spendenhöhe auf rund 80 Euro.) Rechnet man die durchschnittliche Höhe der Spenden auf Basis der österreichischen Bevölkerung ab 15 Jahren und unter Berücksichtigung der NichtspenderInnen bzw. jener Personen, die keine oder „weiß nicht“ zur Antwort gaben näherungsweise hoch, so ergibt sich folgendes Bild:
In den letzten 12 Monaten wurden in Österreich insgesamt rund 319 Millionen Euro gespendet; im Jahr 2009 waren es lediglich 288 Millionen Euro und im Jahr 2008 rund 343 Millionen Euro. Trotz der in diesem Jahr zu verzeichnenden Steigerung ist das Niveau des Jahres 2008 damit nicht erreicht worden. Dieser Wert beinhaltet nicht die Unternehmensspenden, welche – zieht man die Public Opinion Unternehmensbefragung aus dem Jahr 2007 heran – sich nochmals mit rund 100 Millionen Euro niederschlagen dürften.
Der Fundraising Verband Austria kommt in seinem jüngsten Spendenbericht 2010 auf ähnliche Ergebnisse. Für das Jahr 2010 rechnet er mit einem Spendenaufkommen von rund 400 Millionen Euro. Gestützt werden diese Zahlen vom monatlich gemessenen Spendenindex (direct mind), welcher aus den monatlichen Spendeneingängen von 36 gemeinnützigen Vereinen aus den Bereichen humanitär, internationale Hilfe und Umwelt- u. Tierschutz gebildet wird. Mit einem Spendenvolumen von rund 72 Mio. Euro oder 20 Prozent des Gesamtspendenaufkommens ist der Index ein repräsentativer, zeitnaher Indikator für die Spendentrends.
Vernichtend fällt das Urteil der ÖsterreicherInnen zur Honorierung der Leistungen von Hilfsorganisationen seitens des Staates aus. Rund 51 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass der Staat diese Leistungen eher wenig honoriert. 55 Prozent der Frauen und insbesondere die mittlere Bildungsschicht (wf.Schule o. Matura, Matura) sehen hier ein Manko.
Dass die steuerliche Absetzbarkeit von Spenden einen gewissen Anreiz hat, mehr Geld als bisher zu spenden, zeigen die Befunde. Immerhin rund 12 Prozent der Befragten geben an, dass dies für sie sehr bzw. eher zutrifft. Dies trifft vor allem auf die mittlere Altersgruppe sowie in relativ hohem Ausmaß auf die Hochgebildeten zu.

Da die Spendenabsetzbarkeit noch nicht auf alle spendensammelnden Organisationen gesetzlich anwendbar ist, zudem der Zeitraum seit ihrer Einführung noch ziemlich kurz zurückliegt, dürfte – insbesondere bei einer Ausweitung der Spendenabsetzbarkeit – ein positiver Impuls auf das Spenderverhalten zu erwarten sein.
Die heuer etwas positiveren Ergebnisse am österreichischen Spendenmarkt sind noch keineswegs als Trendumkehr zu werten. Die Wirtschaftskrise scheint zwar größtenteils überwunden zu sein, dürfte allerdings das Spendenverhalten zum Teil nachhaltig geprägt zu haben. Dies zeigt sich u. a. in der Zurückhaltung bei Abbuchungsaufträgen, der noch geringen Akzeptanz neuerer Spendenformen sowie in der für manche Zielgruppen noch nicht möglichen Spendenabsetzbarkeit.
Insgesamt wurden bei vorliegender Untersuchung 1005 Personen ab 16 Jahren repräsentativ für die österreichische Bevölkerung in Form von persönlichen Interviews (face-to-face) befragt.
Weitere Infos und Bestellungen unter Kontakt
ORF-Heute-Sendung, 2.12.2010
APA-OTS